Eine Geschichte, die für die Vermittlung der Idee der gewaltfreien Kommunikation steht!


Auch Kinder müssen lernen sich ab zu grenzen und eine gute Streitkultur zu entwickeln. Dies gelingt am besten durch Verwendung von Metaphern.

Die folgende Geschichte dient hierbei der Vermittlung der Ideen der gewaltfreien Kommunikation, ursprünglich für Kinder bis zu 9 Jahren, aber ich finde es auch eine sehr lehrreiche Geschichte für uns Erwachsene:

Der Zitronenfalter

(Autor unbekannt)


Der kleine Käfer Ben wohnte in einer Blumenwiese am westlichen Waldrand. Es war ein guter Ort für die Käfer, denn es kamen selten die Menschen hierher mit ihren lärmenden und stinkenden Traktoren oder ihren schnüffelnden und garstigen Hunden, die Ben immer einen Riesenschreck einjagten. Bens' bester Freund war der Käfer Mat - sie kannten sich seit sie aus ihren Larven geschlüpft waren und verbrachten fast jeden Tag zusammen - außer Sonntag, denn Bens' und Mats' Mamas bestanden darauf, dass die beiden wenigstens an einem Tag mal zu Hause waren und mit ihren Geschwistern spielten.

Aber heute war Mittwoch, und die beiden Käfer waren gerade im Gänseblümchenwald unterwegs. Sie überlegten gerade, was sie heute anstellen könnten, da hörten sie in der Nähe laute Rufe.

Hinter der nächsten Kurve sahen sie eine Bande junger Käfer die Käfer-Bockhüpfen spielten. Ein Käfer musste von einer Blume hinunter auf ein Blatt springen, wie auf ein Sprungbrett, und von dort musste er versuchen, über so viele andere Käfer wie möglich zu springen. Wenn er es nicht ganz schaffte, war das besonders schmerzhaft für den letzten Käfer in der Reihe, weil der Springer dann auf ihm landete. Anscheinend war das gerade passiert, denn Sven, der größte und stärkste unter den Käfern, baute sich gerade vor einem seiner Kameraden auf: " Meinst Du vielleicht, Du bist ne Feder oder was? Wenn de' nich' ordentlich springen kannst, dann geh' heim und spiel Puppenmama mit deinen Schwestern. Mann, mir tut jeder Knochen weh! Geh' mal zur Seite, ich bin jetzt dran!" Sven machte sich daran, auf das Gänseblümchen zu steigen. Er sprang auf das Blatt, machte einen großen Satz...und landete mitten auf dem armen kleinen Käfer, der als letzter in der Reihe stand. "Oh Mann, was machst du denn hier? Stehst mir ja mitten im Weg, Mann. Sieh' zu, dass du das nächste Mal aus dem Weg gehst, klar?", schnauzte ihn Sven an. Der kleine Käfer Pablo rieb sich das schmerzende Vorderbein und nickte verlegen. Er wagte es nicht, Sven zu widersprechen.


Mat stieß Ben in die Seite: "Komm! Wir fragen mal, ob wir mit-machen dürfen, ja?" - "Ich weiß nicht, meinst du, die lassen uns?" - "Klar! Komm, das macht bestimmt riesig Spaß!" Mat ging ein paar Schritte auf die Käferbande zu: "Hey Leute, können wir mit-machen?" Der große Käfer Sven stemmte sich die Vorderbeine in die Hüften und  betrachtete Mat und Ben prüfend. Dann spuckte er ins Gras und nickte Mat zu: "Du ja, aber dein komischer Kumpel hier nicht, klar?" Mat wurde noch roter als er ohnehin schon war, und seine Fühler begannen vor Aufregung zu zittern: "Naja, Ben, dann musst du heute wohl was anderes machen". Und weg war er.



Ben stand sprachlos an seinem Platz und wusste nicht, was er tun sollte. Er wollte seinem Freund sagen, dass er das nicht in Ordnung fand, aber sein Mund war ganz trocken und er traute sich nicht, vor allen Käfern etwas zu sagen. Also drehte er sich um und schlich langsam nach Hause. Es brodelte in ihm: Was fiel diesem blöden Sven ein, sich so aufzuspielen - und warum hörten alle anderen auf ihn? Und jetzt auch noch Mat. War er nicht sein Freund?

Seine Mutter wunderte sich sehr, dass er mitten am Tage zu Hause auftauchte: "Hallo, Ben. Alles in Ordnung? Hilf' mir doch mal gerade, diese getrockneten Blätter zusammenzulegen, ja?" Und schon war sie in ihrer Wohnhöhle verschwunden, wo eine von Ben's kleinen  Schwestern gerade brüllte. Ben stand da mit einem getrockneten Blatt in der Hand und war immer noch so ärgerlich, dass er das Blatt vor Wut in der Mitte zerriss: "Passt auf! Morgen mache ich auch mit! Und dann zeige ich Euch allen, dass ich am besten springen kann - auf jeden Fall weiter als dieser Angeber Sven!"

Am nächsten Tag machte Ben sich wieder auf den Weg in den Gänseblümchenwald. Schon von weitem hörte er Mat mit den anderen lachen. Sein Freund war wirklich nicht bei ihm vorbeigekommen, sondern direkt zu den Käfern gelaufen! Der Ärger darüber gab Ben die nötige Kraft auf die Lichtung zwischen die Gänseblümchen zu stürmen und den anderen Käfern zuzurufen: "So, und heute mach' ich auch mit. Und da zeige ich Euch mal, dass ich weiter springen kann, als ihr alle!" Sven schaute ihn an und zog verächtlich den Mundwinkel nach oben. "Ein Käfer, der weit springen kann? Das wäre ja ganz was Neues." Ben kletterte auf das Gänseblümchen. Unten auf dem Gras sah er die Käfer stehen und seinen Freund Mat - alle sahen erwartungsvoll zu ihm hinauf. Er ging in die Knie, stieß sich fest ab, sprang - so fest es ging - auf das darunterliegende Blatt und segelte los. Oh Mann, so weit war er noch nie gesprungen. Er fühlte, wie Triumphgefühl in ihm aufstieg, als er weit hinter dem letzten Käfer in der Reihe auf dem Boden landete. Sven stemmte die Hände in die Hüften und rief: "Ist ja klar, dass der Käfer so weit springt. Er schummelt ja auch. Habt ihr gesehen: Der ist viel zu weit vorne auf das Blatt gesprungen. So kann das ja jeder." Er sah in die Runde und alle anderen Käfer nickten zustimmend - alle Käfer... und auch Mat. Ben konnte es nicht fassen. "Also, Abmarsch Käfer - wir wollen keine Schummler hier bei uns haben", rief Sven, und die Käfer ließen Ben einfach stehen.


Lange Zeit saß Ben alleine auf der Lichtung. Erst schimpfte er vor sich hin, dann weinte er ein bisschen. Und dann saß er lange da, starrte vor sich hin und wusste nicht, was er tun sollte. Auf einmal bemerkte er eine kühle Brise, die über seinen Panzer strich. Ein großer Zitronenfalter war neben ihm gelandet. Seine großen strahlend gelben Flügel fächelten Ben frische Luft zu, und er bildete sich ein, wirklich einen leichten Hauch von Zitrone zu riechen. Er war noch nie so nahe an einem Schmetterling gewesen. Käfer und Schmetterlinge blieben normalerweise lieber unter sich.

Doch dieser Schmetterling war anders. Er hatte sich neben Ben auf den sonnenwarmen Boden gesetzt, seine großen samtigen Flügel zusammengefaltet und schaute den kleinen Käfer ruhig an, aber er sagte nichts. Das war ungewohnt für Ben - normalerweise fragten

einen die großen Insekten doch immer aus und wollten alles wissen. Er blinzelte in die warme Sonne und konnte es sich nicht verkneifen, dem Schmetterling eine Frage zu stellen: "Was machst du denn hier?". "Ich? Ich sitze hier. Und du?", gab der Falter mit einer tiefen und warmen Stimme zurück. Ben staunte - er hatte noch nie einen Schmetterling sprechen hören. Was für ein schöner Klang! Er setzte an, wollte eigentlich sagen, dass er auch nur hier saß, da rollten ihm auf einmal Tränen über das Gesicht und die ganze Geschichte brach aus ihm heraus: Dass die anderen ihn nicht mitmachen ließen, dass sie sich über ihn lustig machten und dass sein Freund Mats nicht zu ihm hielt. Der Schmetterling hörte nur zu. Ab und zu bewegte er leicht seine Flügel, so dass ein leichter zitronenkühler Hauch über Ben's verweintes Gesicht strich. Das tat gut, und Ben beruhigte sich allmählich.

 



Nach einer ganzen Weile hörte er die warme Stimme des Schmetterlings sagen: "Deine Tränen sagen mir, dass du traurig bist über das, was passiert ist, und das kann ich verstehen". "Natürlich bin ich traurig", platzte es aus Ben heraus. "Ich fühle mich so einsam und es tut weh." "Jaja", sagte der Zitronenfalter, "jaja - dir ist es wohl wichtig, dass Käfer freundlich miteinander umgehen und alle zusammen etwas tun." "Ja", stieß Ben hervor, "genau! Mir ist Freundschaft wichtig, und dass ich mich auf meine Freunde verlassen kann. Egal, was passiert, egal ob ich etwas falsch gemacht habe oder nicht." "Hm, hm", machte der Falter. "Solche Freunde wünschen wir uns alle, nicht wahr? Auch wenn man es manchen Käfern gar nicht anmerkt. Jaja. Was würdest du sagen, wenn ich ein Zauberschmetterling wäre? Was wäre, wenn du jetzt einen Wunsch frei hättest?" Er lächelte den kleinen Käfer an. Ben schloss die Augen. "Dann würde ich mir wünschen...." Er zögert. "Ich würde mir wünschen, dass alle Käfer zusammen spielen. Jeder darf mitmachen und alle haben einen Riesenspaß. Wenn ein Käfer etwas Tolles schafft, jubeln alle anderen und wenn jemandem etwas nicht gelingt oder sich weh tut, dann trösten ihn die anderen und helfen ihm, damit es beim nächsten Mal besser klappt. Und dann, Schmetterling...", Ben öffnete die Augen. Der Schmetterling war verschwunden. Nur das warme Sonnenlicht und ein Hauch von Zitrone lagen noch in der Luft. Ben fragte sich, ob er das alles vielleicht nur geträumt hatte. Am nächsten Tag war Ben wieder in der Nähe des Gänseblümchenwalds unterwegs, als er die lauten Rufe der Käfer hörte. Langsam ging er in diese Richtung und schaute den anderen zu, die sich für heute ein neues Spiel ausgesucht hatten. Kaum trat Ben auf die Lichtung, hatte Sven ihn schon entdeckt und baute sich vor ihm auf. "Ah, da ist ja unser kleiner Schummler wieder. Hast du dir's anders überlegt und willst mal ohne Schummeln mitmachen. Kostet dich aber drei Heidelbeeren - dann denk ich mal drüber nach!" Er grinste breit und Beifall heischend in die Runde. Die anderen Käfer stießen sich die Ellenbogen in die Seiten und kicherten - auch Mat machte mit, er konnte Ben dabei aber nicht in die Augen schauen.

Ben schaute sich um. Da auf einmal bemerkte er in der warmen Luft eine kühle Brise und einen Hauch Zitrone. Er stellte sich gerade vor Sven hin, schaute ihm in die Augen und sagte: "Du hast gestern auch zu mir gesagt, dass ich geschummelt habe und auch, dass Schummler

bei Euch nicht mitspielen dürfen. Ich war gestern ganz schön einsam und traurig. Es hat sehr weh getan, denn mir ist es wichtig, dass ich Freunde habe, mit denen ich spielen und auf die ich mich verlassen kann. Mir ist es wichtig, dass Freunde sich unterstützen, auch wenn mal

etwas schief geht und freundlich zueinander sind. Ich glaube, so wie du hier spielen möchtest, passt es für mich nicht." Und Ben drehte sich um und ging. Die anderen Käfer ließ er schweigend und sprachlos zurück.

Am Rand einer großen Pfütze setzte sich Ben hin, um darüber nachzudenken, was er getan hatte. Oh je, jetzt hatte er ja gar niemanden mehr zum Spielen! Er schloss die Augen, spürte die warme Sonne, roch das frische Gras und die Wildkräuter. Was sollte er bloß tun? Auf einmal schob sich ein Schatten vor die Sonne. Erschrocken öffnete Ben die Augen. War Sven gekommen, um es ihm heimzuzahlen? Er blinzelte gegen die Sonne und erkannte plötzlich den kleinen Käfer Pablo. "Darf ich mich zu dir setzen?", fragte Pablo. Ben nickte verwundert. Schüchtern schaute Pablo ihn an. "Ich finde das ganz toll, was du gerade zu Sven gesagt hast. Weißt du, ich finde das auch. Aber ich hätte mich niemals getraut, das Sven zu sagen. Wenn du....", Pablo zögerte und wurde rot, "wenn du magst, könnten wir zwei ja etwas zusammen machen." Ben schaute ihn an und spürte auf einmal ein warmes Kribbeln in ihm aufsteigen. Jetzt hatte er doch jemanden zum Spielen! "Ja klar", rief er und sprang auf, " was sollen wir machen?". "Ich habe da so eine Idee," grinste Pablo. Eine Stunde später hatten die beiden alles fertig. Oben auf einer großen Schafgarbe lag ein Blatt. Pablo stand darauf und schaute etwas ängstlich zu Ben hinunter. "Soll ich?" "Na klar, du schaffst das", rief Ben. Da stieß sich Pablo mit dem Blatt ab, schwebte ein Stück und setzte dann auf der großen Pfütze auf wie mit Wasserskiern. Er schoss über die Wasseroberfläche und jauchzte! Was für ein Spaß.


Den ganzen Nachmittag spielten die beiden Blätterski. Die beiden? Nicht ganz. Nach und nach waren immer mehr Käfer dazu gekommen, die wissen wollten, was denn da los war. Auch viele Käfer aus Sven's Bande und der Käfer Mat waren dazu gekommen. Mat hatte sich bei Ben entschuldigt: "Das war ganz schön blöd von mir, Ben. Tut mir echt leid. Ich finde es auch viel besser, wenn alle freundlich zueinander sind und sich helfen. Darf ich bei Euch mit machen?" Und ob er durfte!



Am Abend, als die Sonne schon ganz tief stand und ihr warmes orangenes Licht über die Wiese schickte, lag Ben im Gras und schaute zufrieden den Wolken zu, die vorbeizogen. Was hatte sich alles geändert! Und das nur an einem Tag! Er war so glücklich, dass es am ganzen

Körper kribbelte und stolz, dass er sich getraut hatte, mit den anderen zu sprechen. Zufrieden schloss er die Augen und hatte auf einmal Zitronenduft in der Nase. Er schlug die Augen auf, aber es war kein Zitronenfalter zu sehen. Ob es doch ein Zauberschmetterling gewesen war?

Was entnehmen wir aus dieser Geschichte? Hättest Du Deine eigene Situation auch auf diese Art gelöst? Oder wie wärst Du mit dieser herausfordernden Situation umgegangen? Natürlich kann man nicht davon ausgehen, wenn man seine eigene Situation auf dieser Art und Weise löst, dass dann gleich Alle anderen zu uns kommen und uns darin bestärken. Denn leider kann es im „wahren“ Leben auch erst einmal ein einsamer Weg bedeuten, sich so zu platzieren. Aber eins ist sicher, es werden sich im Laufe Deines Leben Menschen dazugesellen, die zu Dir passen – und ist nicht das Endergebnis ausschlaggebend?

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