Grenzen setzen - aber richtig.

Die oft falschverstandene Art sich abzugrenzen - was Abgrenzung definitiv nicht ist!


Immer wieder stoße ich auf Missverständnisse, darum spreche ich dies gleich im Vorfeld an:

Manche Menschen stellen sich unter Abgrenzung das Errichten von unüberwindlichen Mauern, den totalen Rückzug, den Abbruch von Kontakten oder durch kolerische Ausbrüche vor.

Dabei ist es ein eindeutiger Hinweis auf ein falsches Verständnis von Grenzen setzen. Wenn Sie dieses Verhalten von sich selbst kennen und / oder von einem Ihren Mitmenschen, dann empfehle ich Ihnen diesen Beitrag weiter zu lesen.

Sie und / oder ein Mitmensch scheinen auch nur zwei Möglichkeiten zu kennen:

Entweder sind sie ganz offen anderen gegenüber oder sie verschließen sich komplett. Entweder – oder. Dazwischen gibt es nichts. So war es bei mir früher auch. Entweder war ich in geradezu naiver Weise offen für andere und damit leider auch für mögliche Verletzungen, oder ich zog mich verletzt und misstrauisch zurück und machte dicht, weil ich zuvor viel zu offen gewesen war. Im Extremfall brach ich sogar den Kontakt ganz ab. Alle diese Fehler habe ich selbst gemacht! Manchmal kommt man wohl nicht um Irrtümer herum. Im Nachhinein bin ich sogar dankbar dafür, denn Fehler, Schuld und Schmerz ermöglichen uns, bewusst zu werden und uns zu entwickeln. Erst allmählich erkannte ich, dass es zwischen diesen beiden Extremen unendlich viele differenzierte Möglichkeiten von Nähe und Abstand gibt. Erst das fein abgestimmte Öffnen und Schließen ermöglicht uns Begegnung und Nähe. Es verhindert, dass wir uns selbst verlieren, und beugt zugleich der Möglichkeit vor, verletzt oder ausgenutzt zu werden.

Erst das ist gekonnte Abgrenzung: das passende Maß an Nähe und Distanz für die jeweilige Situation herzustellen. Dann ist man auch in der Begegnung noch bei sich, man ist im Kontakt mit dem anderen, ohne seine Eigenständigkeit zu verlieren. Den anderen schließen wir nicht aus, auch wenn wir ihm Grenzen setzen. Sich abzugrenzen ist alles andere als Mauern zu bauen oder den Kontakt abzubrechen. Über sichere Grenzen ist Kommunikation und Freundschaft möglich. Grenzen sorgen für stabile soziale Verhältnisse und sogar für Harmonie und Frieden.

Wenn ich die Grenzen bewusst setze, und darauf achte das diese auch eingehalten werden, habe ich keinen Anlaß mehr mich von den anderen zurück zu ziehen und / oder unsichtbare aber gefühlte Mauern zu errichten.

Grenzen nicht nur gegenüber anderen. Manche Menschen übersehen allzu leicht ihren eigenen Beitrag, den sie selbst geleistet haben, wenn es zu Grenzverletzungen kommt, zum Beispiel ihre unklaren Signale bzw. unklare Worte in der Kommunikation. Vielleicht haben wir sogar indirekte Einladung ausgesprochen, die uns selbst gar nicht bewusst sein muss. Im Extremfall vergessen wir, dass wir zuvor eine Art Gutscheine und / oder Blankoschecks verteilt haben. Einige von uns übersehen auch ihre eigene Tendenz, über die Grenzen anderer hinwegzugehen, ganz einfach weil sie keinen Sinn für Grenzen entwickeln konnten.

Die meisten Grenzverletzungen jedoch werden wohl sich selbst gegenüber begangen. Wichtig sind nicht nur die Grenzen gegenüber anderen, sondern auch das Einhalten der eigenen Grenzen, etwa in Bezug auf die eigene Leistungsfähigkeit, unsere Ansprüche ans Leben und Ansprüche an uns selbst. Während wir den Druck auf uns selbst bis ins Unendliche er höhen, erreichen wir oft selbst faktisch immer weniger. Dann leiden wir nicht nur an unserer eigenen Unzufriedenheit, sondern häufig auch an Symptomen, die eigentlich verspätete Grenzwächter sind.


Sichtbare Grenze zwischen Luft und Wasser. Durch die verschiedene Elemente ergibt sich die Begrenzung von ganz alleine!         zum vergrößern - Bild anklicken!


Die eigenen Grenzen bewusst machen

Wenn du Deine Grenzen stärken möchtest, dann musst Du Dir erst einmal erlauben, überhaupt eine Grenze zu haben und diese auch zu schützen. Und die Voraussetzung dafür ist wiederum, die eigene Grenze genau zu kennen. Sonst passiert es schnell, dass man, ohne es zu merken, überrannt wird und dann erst im Nachhinein viel zu spät merkt, dass jemand unerlaubt in das eigene Hoheitsgebiet eingedrungen ist.

Wo genau verlaufen also Deine Grenzen?

▶   Welche Deiner Bedürfnisse sind Dir so wichtig, dass deren Missachtung eine Grenzüberschreitung für Dich bedeutet?

      (Zum Beispiel mein Bedürfnis nach Ruhe, Respekt oder Fairness)

▶   Was ist Dir so wichtig, dass Du dafür kämpfst, wenn diese für Dich wichtige Sache durch andere verletzt wird?

      (Zum Beispiel wenn jemand Tiere quält oder Ähnliches)

▶   Welches Verhalten anderer Menschen verletzt Deine Grenzen? Was ist für Dich nicht in Ordnung? Was muss jemand tun, um Deine

      Grenzen zu überschreiten?

▶   Was bist Du nicht länger bereit zu tolerieren?

▶   Wann has Du Dich das letzte Mal im Kontakt zu einem anderen Menschen schlecht gefühlt und welche Deiner Grenzen wurde da

      eventuell überschritten?

Auf der anderen Seite aber auch:

▶   Wann und wo erlaubst Du anderen Menschen, auch nahe an Dich heranzukommen?

▶   Wer darf in welcher Situation Dinge, die andere nicht dürfen? und Warum?

▶   Welchen Menschen erlaubst Du was? (Von wem nimmst Du zum Beispiel Kritik an und von wem eher nicht?)

Mit diesen vorgenannten Fragen kannst Du Deine Grenzen ausloten und festsetzen. Das ist auch so wichtig. Denn der erste Schritt zu einer besseren Grenzverständnis und Grenzverteidigung besteht immer darin, sich die eigenen Grenzen bewusst zu machen. Also … was und wo sind Deine individuellen Grenzen?

Sich selbst Grenzen zugestehen

Die eigenen Grenzen zu kennen hilft einem schon mal einen Schritt weiter. Aber es reicht nicht. Man muss sich selbst auch erlauben, diese Grenzen einzufordern. Denn das ist Dein gutes Recht. Jeder von uns hat das Recht auf seine Grenzen. Du. Ich. und jeder andere auch. Jeder von uns hat ein Recht darauf, zu bestimmen, welches Verhalten er von anderen Menschen toleriert und welches Verhalten nicht.

Leider wurde uns dies nicht bereits im Kindesalter beigebracht, daher müssen wir diese Fehlverhalten im späteren Alter unter oft schmerzhaften Erfahrungen lernen. Hier tun sich nicht wenige von uns schwer. Und nicht selten ist eine Selbstwertgeschichte dafür ursächlich. Wenn ich mich selbst als Mensch nicht genug akzeptiere, wichtig nehme und wertschätze, wie soll ich dann für mich und meine Grenzen einstehen? Wenn ich andere Menschen wichtiger nehme als mich selbst, dann bewerte ich unbewusst ihre Freiheit des Handelns als wichtiger als mein Recht auf mein eigenes Wohl und meine Grenzen.

Aber meine allererste Aufgabe als „Ich“ ist es für mich und mein Wohl zu sorgen. Nicht falsch verstehen: Natürlich ist es auch wichtig, mich um die mir anvertrauten Schutzbefohlenen zu sorgen. Und Glück erlebt man ja oft auch eher im Dienst am anderen. Aber das kann ich ja nur, wenn ich selbst emotional und körperlich stabil und in Form bin, und für mich selbst auch gut sorgen kann. Deswegen muss ich mich immer erst einmal um mich selbst kümmern. Und das bedeutet wieder: Die eigenen Grenzen kennen und diese einfordern, wenn sie überschritten werden.

Deine Aufgabe ist es deswegen, Dein Selbstwertgefühl ein bisschen aufzupäppeln. In Kurzform bedeutet das: Mache Frieden mit Dir und den Dingen, die Du an Dir vielleicht nicht leiden kannst. Beobachte Dich selbst und entdecke, wo Du Dich selbst in Gedanken runtermachst und Dir unschöne Botschaften sendest. Und fange an, diese Botschaften weniger ernst zu nehmen. Lerne, deine Gefühle besser wahrzunehmen, diese da sein zu lassen und diese aber auch loszulassen. Lerne Dich selbst besser kennen, inkl. deiner Stärken und Schwächen. Lerne die Kunst der Gefühlsregulation. Lerne quasi alles, was Dir dabei hilft, Dich selbst mehr wertzuschätzen und mit Dir selbst besser und freundlicher umzugehen. Schaue auf Deine Fähigkeiten, die Atribute die Besonders sind und nicht auf die Defizite, die Dich klein machen. Jeder Mensch ist einzigartig und besonders in Art und Weise, wie er erschaffen wurde - mach Dir das klar - Jeder Mensch auch Du!

Grenze Deine Baustellen ein

Niemand kann an allen Fronten gleichzeitig seine Dinge vorantreiben. Woran fehlt es am meisten? Und worauf möchtest Du beim Thema Abgrenzung das Hauptgewicht legen und Dich konzentrieren? Und auf welchem Gebiet ewirst Du zuerst konkrete Ergebnisse erkennen können?

Ich kann mich nicht begrenzen,

   in meinem Denken und Grübeln

   in meinen Gefühlen und Emotionen

   in Bezug auf meine körperlichen Befindlichkeiten

   bei meiner Arbeit

   bei meinen Ansprüchen an mich selbst

   bei meinen Ansprüchen an andere

   bei Ansprüchen anderer an mich

   gegenüber Reizen von außen

Ich kann mich schwer abgrenzen gegenüber,

▶   meinen Kindern

▶   meinem Partner

▶   meinen Freunden

▶   meinen Bekannten

▶   Fremden

▶   meinen Kollegen

▶   meinen Vorgesetzten

▶   meinen Kunden oder Klienten/Patienten

Ich habe Schwierigkeiten, die Grenzen wahrzunehmen und einzuhalten von,

▶   meinen Kindern

▶   meinem Partner

▶   meinen Freunden

▶   meinen Bekannten

▶   Fremden

▶   meinen Kollegen

▶   meinen Vorgesetzten

▶   meinen Kunden oder Klienten/Patienten

Wenn Du Deine "Baustelle" begrenzt, heißt das noch lange nicht, dass Du diese nicht auch an anderen Stellen entwickeln möchtest, kannst und wirst. – Eins nach dem anderen. Wenn Du Deine Aufmerksamkeit zunächst auf die "schwächste" Stelle Deines Deiches richtest und Deine Bemühungen auf genau diese Stelle zunächst begrenzt, dann erreichest Du die größtmöglichste Wirkung.

Schaue auch auf die Bereiche, in denen Du Dich gut abgrenzen kannst. Gehe die Liste noch einmal durch. Dieses Mal mit der umgekehrten Frage: Wo gelingt es Dir, Grenzen zu setzen? Vielleicht hast Du gute Wege dafür gefunden, sodass Du an diesen Fronten Ruhe hast und Dich nunmehr den schwachen Stellen Deines Deiches zuwenden kannst.


                             zum vergrößern - Bild anklicken!


Konfliktbereitschaft lernen

Um die eigenen Grenzen zu verteidigen muss man auch ein gewisses Maß an Konfliktbereitschaft mitbringen. Das heißt, Du musst es Dir Wert sein und selbst erlauben, in einen möglichen Konflikt reinzugehen und diesen auch auszuhalten.

Oft trauen wir uns das nicht, weil wir dann Angst haben, dass andere uns nicht mehr mögen. Aber paradoxerweise mögen und respektieren wir normalerweise andere Menschen, die freundlich, aber bestimmt sagen, was sie wollen und was sie nicht wollen.

Das heißt, ein weiterer Lernpfad für Dich könnte sein, gut und sauber Streiten zu lernen. Leider haben wir eine gesunde Streitkultur oftmals nicht vermittelt bekommen. Demnach muss es im späteren Verlauf noch Schritt für Schritt gelernt werden.

Dabei können 2 Dinge helfen:

1. Die folgende Leitlinie, die ich durch den Verhandlungsklassiker „Das Harvard-Prinzip“ kennengelernt habe: „Sei hart in der Sache und weich mit den Menschen.“ Also stehe zu Deinen Grenzen. Sage klar, was Du willst. Sei hart bei Deinen Interessen und Bedürfnissen. Gleichzeitig bist Du aber höflich, respektvoll und verständnisvoll mit Deinem Gegenüber. Und sei auch bereit, Positionen zu verlassen, wenn Du merkst, dass Du Deine Interessen auch auf anderem Wege durchsetzen kannst.

2. Was auch hilft, sind die Grundprinzipien der gewaltfreien Kommunikation. Also bleibe immer bei Dir und trenne sauber das, was passiert ist (die Fakten), und die eigene gefühlsmäßige Reaktion auf das, was passiert ist. Nimm Deine Bedürfnisse wahr und lerne, Deine Bedürfnisse einzufordern, ohne dem anderen Vorwürfe zu machen.

Und mache Dir immer klar: Es ist Dein Recht, ja sogar dein Geburtsrecht einzufordern, was Du brauchst. Und wenn Dein Gegenüber daraufhin eingeschnappt oder aggressiv reagiert, dann bleibe möglichst ruhig, sachlich bleib dabei bei Dir selbst und lege Deinen Punkt so lange dar, bis der andere es verstanden hat, worum es Dir geht.

Und wenn jemand über lange Zeit überhaupt nicht bereit ist, Deine Grenzen zu respektieren, dann ist auch die Frage erlaubt, ob dieser Mensch langfristig ein fester Bestandteil Deines Lebens sein soll. Auch das ist Dein gutes Recht - warum sollte ich Menschen in meinem Leben haben wollen, die mich und meine Grenzen nicht aktzeptieren und respektieren?


Als Coach unterstütze ich meine Klienten wenn sie das richtige abgrenzen lernen wollen. Denn unser Umfeld zeigt uns sehr oft wie die "falsche" Abgrenzung gelebt wird, und wir müssen erst ein Verständnis darüber erlangen wo der Unterschied liegt, um uns selbst gut Abgrenzen zu können. Dies ist ein achtvoller Entwicklungsprozess.         Kontaktformular